"Jesus Christus heilt" - Erfahrungen von Frauen

  

                                                     (Bild: Eva-Sibylle Vogel-Mfato)

Wenn ich Frauen in meiner Gemeinde nach dem wichtigsten Ereignis in ihrem Leben fragte, erzählten mir viele von der Geburt ihrer Kinder. Die lag bei manchen schon bis zu 50 Jahren zurück, aber in der Erinnerung war sie noch ganz präsent. Und die Frauen erzählten voller Wärme und Freude.

Schwangerschaft und Geburt schärfen uns Frauen den Sinn für das Leben auf besondere Weise. Geist, Seele und Körper bilden hier eine Erfahrungseinheit. Da geschieht etwas mit uns, tief von innen heraus, unverfügbar, ohne unser Zutun. Es ist ein Geschenk. Das Kind wird in der Wärme unseres Leibes empfangen. Es wächst in uns heran - zunächst noch im Verborgenen, doch schon bald fühlbar und wahrnehmbar. Es entwickelt sich ganz von selbst. Wir können es nur begleiten und unterstützen durch unsere Fürsorge für uns selbst : für unsere körperliche Verfassung, eine gute Ernährung und medizinische Vorsorge.

Die Zeit der Schwangerschaft ist für manche Frauen jedoch auch eine Phase der Krise und der erhöhten Sensibilität für das, was dem eigenen Leben mangelt. In weiten Teilen Europas ist eine gesunde Ernährung und medizinische Grundversorgung ein Privileg, das nur wenige geniessen. Geborgenheit und Liebe als Grundlage seelischer Gesundheit werden vielerorts erstickt in Sorgen, Einsamkeit, dem Fehlen eines sozialen Netzes, häuslicher oder gar kriegerischer Gewalt. Frauen mögen sich fragen : Werden wir dem Kind geben können, was es brauchen wird, um heranzuwachsen ? Werden wir unserer Verantwortung gerecht werden mit unseren begrenzten Kräften ? Werden wir es schützen können vor Argem ? Werden wir es vermögen, unsere Erde so mitzugestalten, dass auch kommende Generationen ihr Auskommen finden?

Auch Maria hatte allen Grund, sich solche Gedanken zu machen. Hochschwanger musste sie sich auf eine mühsame Reise machen - höhere Gewalt, da war nichts zu machen. Ohne ein Dach über dem Kopf, misstrauisch abgewiesen von den Einheimischen Bethlehems : Fremde unerwünscht ! In einer Notunterkunft, ohne die einfachsten Hygienemassnahmen, ohne ärztlichen Beistand muss Maria ihr Kind zur Welt bringen. Allein Josef ist da als Geburtshelfer - genauso hilflos und unerfahren wie sie selbst in dieser Lage. Und die Welt, in die dieses Kind hineingeboren wird? Palästina ist zerrüttet, von der Besatzungsmacht ausgeplündert und in's Elend getrieben. Nationalistische Rebellen führen einen Partisanenkrieg. Die Besatzerarmee schlägt brutal zurück. Die Regierung besteht aus Mitläufern ohne wirkliche Macht. Selbst der König, scheut vor Brutalität und Gewalt nicht zurück, wenn es darum geht, seine Position zu sichern. Und in diesem äusserst brutalisierten, unsicheren Umfeld kommt Marias Kind zur Welt.

Doch die Sorge, die Anstrengung und die Schmerzen treten bald in den Hintergrund, als Maria ihr Kind in den Armen hält. Und sie hatte vielleicht gar nicht viel Zeit, so recht zur Besinnung zu kommen, als schon die Hirten vor der Tür stehen und aufgeregt von der Erscheinung der Engel auf dem Felde berichten. Freuen sollten sie sich über dieses Kind, mit ihm würde die Welt heil und neu werden. « Und Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen », erzählt die Weihnachtsgeschichte (Lukas 2, 19).

Dann ist Maria wieder mit ihrem Kind allein, es wird still nach all der Aufregung. Maria hält es im Arm. Sie ist ihm ganz zugewandt. In der stillen Zwiesprache mit dem Kind wirken die Worte der Hirten in ihr nach. In der Geburt ihres Kindes liegt ein tieferer Sinn ? Es verkörpert sozusagen die Heilung ihrer zerrütteten Umwelt ? Es ist noch nicht recht zu fassen, doch der Gedanke entzündet ein Licht in Maria. Das Licht kommt von dem Kind in ihren Armen und spiegelt sich auf ihrem Gesicht, ja, es erfüllt ihre ganze Gestalt.

Was in diesem Moment in Maria vorgeht, können vielleicht auch andere nachvollziehen, die selber nicht die Erfahrung der Mutterschaft gemacht haben - z.B. wenn sie mit den Kindern um sie herum in Kontakt treten und daran denken, wie Gott als Kind zur Welt kam. Jesus hat später seinen Mitmenschen die Kinder als Gleichnisse für das Reich Gottes vor Augen gestellt. Was mögen das damals für Kinder gewesen sein, die er auf der Strasse und den öffentlichen Plätzen antraf : Strassenkinder, Kriegswaisen? Vom Alkohol- und Drogenkonsum ihrer verzweifelten Familen - und damit oft einhergehender häuslicher Gewalt -belastete, auffällige Jungen und Mädchen, schmutzig und armselig gekleidet? Oder sogenannte « normale », behütete und umsorgte Kinder ? Wer auch immer sie gewesen sein mögen : Auf ihrem Gesichtern scheint das Antlitz dessen auf, der uns heilen will. Sie sind Ebenbilder Jesu Christi; denn er kam selbst wie ein Kind zur Welt - schutzlos und verletzlich, fragend und offen, uns ausgeliefert und auf uns angewiesen, um zu wachsen und sich zu entfalten.

Das Kind in Marias Armen kann uns auch mit einer grundlegenden Dimension von uns selbst in Kontakt bringen; nämlich mit dem Kind in uns. Wir tragen noch als Erwachsene das Mädchen (oder den Jungen) in uns, das wir einst waren und das sehnsüchtig darauf warten mag, von uns wiederentdeckt und in unser Erwachsenenleben integriert zu werden. Manche kommen in Berührung mit ihm in der Begegnung mit Neugeborenen und Kleinkindern : da dürfen Masken fallen und Verhärtungen sich lösen, da spüren wir, wie vieles in unserem Alltag mehr Schein als Sein ist und wir eigentlich umkehren müssten, uns neu orientieren. Im Kontakt mit Kindern, im spontanen Lachen und Spielen, in der Wärme ihrer natürlichen Zärtlichkeit oder in der Offenheit ihres Fragens kommen auch wir zu unserem kindlichen Selbst - und das heisst, im Licht von Weihnachten, zu unserer Gottebenbildlichkeit.

Maria hält das Kind in ihrem Schoss. Wenn wir als Frauen unser inneres Kind in uns verorten wollten, würden wir es vielleicht auch in unserem Schoss suchen. Es ist, als umschliesse Maria mit ihrer bergenden Geste auch ihr inneres Kind : das fröhliche kleine Mädchen, das sie einst war. Oder das von dem bedrückenden Klima ihrer Umgebung Belastete. Oder das von Erfahrungen des Missbrauchs oder der Gewalt verwundete Kind. Oder dasjenige, das unter seiner Entwertung leidet, weil es ja nur ein Mädchen ist. Wovon auch immer Marias inneres Kind geprägt sein mag - tief in die Beziehung zu ihm versunken sitzt Maria da. Es ist wichtig, mit ihm in Kontakt zu kommen, es in den Arm zu nehmen, es zu trösten, es zu ermutigen, mit ihm zu lachen und sich zu freuen.

Jesus spricht im Johannesevangeliums von der Neugeburt des Menschen durch den Heiligen Geist (Joh. 3). Die mittelalterlichen Mystiker interpretierten Neugeburt als einen Prozess, in dem Gott in uns neugeboren wird. Wir stehen vor der Herausforderung, selber Maria zu werden : das Neue in uns zu empfangen, es heranwachsen zu lassen im Dunkel unseres Lebens und unserer Umwelt, durch manche Unsicherheiten und durch manche Schmerzen hindurch, die einen Wachstumsprozess prägen. Neugeburt, Heilung ist ein Prozess, der Geduld und Durchhaltevermögen erfordert. Oft kommt das neue durch Krisen, durch Passion hindurch zur Welt. Daran erinnert auf dem Bild die Farbgebung des Hintergrundes. Violett ist die Farbe der Passion. Im Violett mischen sich Rot - die Farbe des Blutes, des irdischen Lebens, und auch die Farbe des Feuers, des Zorns, der Aggression, oder der Auseinandersetzung - und Blau - die Farbe des Himmels, des Göttlichen. Violett ist auch die Farbe der Wandlung. Im Vordergrund, angedeutet als die Basis, auf dem Marias Leben gründet, ist viel Dunkles in das Violett vermischt. Im Hintergrund und in der Perspektive über die dargestellte Szene hinaus ist das Violett heller, zart und durchscheinend geworden für das Licht. Im Leiden, in der Passion ist Gott gegenwärtig.

In Marias Rücken wird das Violett ganz zurückgedrängt von den leuchtenden Umrissen eines Engels, der, wenn auch von Maria nicht wahrgenommen, ihre Gestalt und das Kind umschliesst und birgt. Der Engel schenkt den Freiraum, den Schutzraum, in dem sie innehalten und neue Kraft schöpfen kann für das, was an neuen Herausforderungen vor ihr liegt.

Die Erfahrung von Geburt und Neugeburt ermöglicht uns einen neuen Umgang mit uns selbst und einen sensibleren Umgang mit anderen. Es ist ein gemeinschaftsstiftendes, Menschen verbindendes Erleben. Die evangelische Bischöfin Wartenberg-Potter sprach von der « Gemeinschaft der Schmerzverletzten », die sich in den Kirchen zusammenfinden. Die katholische Tradition überliefert das Symbol der Schutzmantelmadonna. Unter dem weiten Mantel Marias finden alle Mühseligen und Beladenen dieser Erde einen bergenden Ort. Sie sind auf dem Bild mit angedeutet. Maria teilt mit ihnen, was sie in ihrem Herzen bewegt. Sie sind Partner in diesem stillen Zwiegespräch, sie erleben gemeinsam mit Maria den Prozess der Verwandlung und Neugeburt. Das Licht geht auch auf sie über.

Zugleich könnte man sie als integriert in die bergende Geste Marias sehen, als Mittragende. Die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen entwickelt sich ja in einer Bewegung der Gegenseitigkeit - auch deutlich in der Beziehung zwischen Maria und dem Kinde : es ist ein gegenseitiges Nähren und Genährtwerden. Wir brauchen Gott und den Kontakt zu unserer Gottebenbildlichkeit, um ganz und heil zu werden. Aber Gott braucht auch uns, um in und unter uns neu geboren zu werden.

Ein eindrückliches Beispiel dafür waren für mich vor Jahren eine Bekannte, Dona Geralda, und ihre Gruppe Frauen in einer Favela am Rande von Sao Paulo/Brasilien. In der kleinsten Hütte fanden sie Platz, um noch ein, hungerndes, elternloses Kind aufzunehmen und mitzuversorgen. In Selbsthilfegruppen brachten sie sich gegenseitig Lesen und Schreiben bei und organisierten Hygiene- und Basismedizinkurse. Auf klapprigen Ofengestellen vor ihren Hütten buken sie Brötchen, die sie verkauften. Von dem Erlös kauften sie Gemüse und kochten davon für die am schlimmsten unterernährten Kinder eine tägliche Mahlzeit. In der gleichen Gemeinschaftshütte hielten sie sonntags Gottesdienst und feierten Abendmahl. Aus dem Glauben an Gott, der um unserer Willen ein verwundbares Kind wird, um unsere Menschlichkeit zu heilen, schöpften sie die Inspiration und Kraft für ihr eigenes belastetes Leben und ihren nachbarschaftlichen Dienst. Weil sie in ihrer Spiritualität selber Solidarität und Liebe erfuhren, konnten sie diese weitergeben - "zur Welt bringen".

Ich denke immer wieder an diese Frauen, wenn ich mit der inneren und äusseren Armut in Ländern der ehemaligen Sowjetunion konfrontiert bin. Siebzig Jahre haben vielen Menschen mit der Religion den festen Boden unter den Füssen weggezogen: ihr Gegründetsein in etwas, das das Sichtbare, Erfahrbare transzendiert und relativiert. Es ist mit dem christlichen Glauben der Einspruch gegen das, was Menschen entwürdigt, verloren gegangen - und damit die Seelenkraft, die sie bräuchten, um das Leben mit den gegenwärtigen schweren Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Auch in Westeuropa ist vielerorts eine ermächtigende Spiritualität im Schwinden, wenn auch aus anderen Entwicklungen heraus. "Jesus Christus heilt ... Unser Zeugnis für Europa" sind Aspekte in unserem Vollversammlungsthema, die uns herausfordern und einen Weg weisen. Gott wartet darauf, dass wir ihn neu zur Welt bringen. Und die Fürsorge für die Kinder von heute - auch für die inneren Kinder - ist eine Voraussetzung für die Weiterentwicklung Europas in Gerechtigkeit und für den Frieden von morgen - im umfassenden Sinne von Gottes Shalom -.

 

Rev. Dr. Eva-Sibylle Vogel-Mfato
CECs Woman's Desk and Interchurch Service