Der folgende Text ist die Predigt von Keith Jenkins, ehemaliger Direktor der Kommission Kirche und Gesellschaft der KEK. Diese Predigt wurde am Schlussgottesdienst der Tagung des KEK-Zentralkomitees in Morges, Schweiz am 3. Juni 2002 gehalten.
EINE ZUKUNFT FÜR EUROPA
PREDIGT
Jeremia 32, Verse 1-15; Hebräer 11, Verse 8-16; Matthäus 6, Verse 25-33
Immer wenn ich zu einem entscheidenden Zeitpunkt in meinem Leben - einem privaten, beruflichen oder institutionellen - predigen muss, fühle ich mich oft von der Weissagung Jeremias und besonders von der Geschichte vom Ackerkauf in Anatot hingezogen. Diese Textstelle aus der Weissagung des Jeremias habe ich für den Einführungsgottesdienst benutzt, als ich 1990 Generalsekretär von EECCS wurde; ich habe ihn dann auch als Grundlage für eine Meditation auf der Tagung des KEK-Zentralausschusses gebraucht, als das Abkommen zwischen EECCS und KEK angenommen wurde. Deshalb schien es mir nur natürlich, darüber auch auf der letzten Tagung des KEK-Zentralausschusses zu predigen, bei der ich als Stabsmitglied dabei bin .
Wie alle Propheten reagierte Jeremias auf die Zeichen seiner Zeit und vermittelte Gottes Botschaft im Kontext seines zeitlichen Umfeldes. Vielleicht aber hat diese Botschaft auch eine universelle Anwendung, die zu allen Zeiten gilt. Für mich ist es eine Botschaft, die ihre Entsprechung in der heutigen Situation findet. Ich spüre auch, dass diese Person etwas von einem offiziellen Vertreter an sich hat. Eigentlich sollte man ja nicht versuchen, Menschen aus einer anderen Zeitperiode aus unserer Sicht zu sehen, aber vielleicht wäre es nicht zu sehr übertrieben, Jeremia einen Bürokraten zu nennen. Ich finde die Idee faszinierend, dass ein Bürokrat zum Propheten berufen wird. Nun wollen wir uns aber von dieser Spekulation weg und zur Botschaft des Propheten selbst hinwenden.
Jeremia war wegen der unpopulären Botschaft, die er in einem von den Babyloniern besetzten Jerusalem verkündete, gefangen. Er kündigte König Zidkija an, dass er zur Niederlage und zum Exil verurteilt sei, obwohl sogar diese Botschaft durch das Versprechen Jahwehs, Zidkija im Exil zu besuchen, abgemildert wird. Als Antwort auf Zidkijas Frage, „Warum hast du dieses geweissagt?" erzählt Jeremia seine Geschichte vom Ackerkauf in Anatot.
Dies ist nicht die Handlung eines vorsichtigen Geschäftsmannes! Anatot liegt hinter den Linien der babylonischen Besatzungsmacht. Wenn Jeremia Recht hatte bezüglich des Ausgangs der Besatzung, war es unwahrscheinlich, dass er das gekaufte Land auch in Besitz nehmen würde. Es war auch nicht das Handeln eines umsichtigen Politikers, denn ein Stück Land in einem vom Feind besetzten Gebiet zu kaufen, könnte als Verrat eines Kollaborateurs ausgelegt werden. Es war überhaupt kein vernünftiges Handeln eines Menschen, denn Anatot wird im Buch Jeremia an anderer Stelle von seinen Brüdern, Familienmitgliedern und Anderen in Anatot erwähnt, die ihm mit dem Tod drohen, wenn er weiter im Namen Gottes weissagt. In dieser Situation kauft Jeremia einen Acker mit allen beschriebenen feierlichen und notwendigen rechtlichen Schritten und legt die Kaufurkunde in ein Tongefäss, damit sie dort lange gelagert werden kann.
Die Handlung war ein Beispiel für gelebte Weissagung, mit der Jeremia die Botschaft vermittelte, dass unabhängig von allem Anschein, so unmöglich die Lage auch sein mochte, in der sich das Land und sein Volk befanden, wie lang auch die Invasion, die Besatzung und das Exil dauern sollten, Gottes Treue so gross war, dass „das Volk wieder Häuser, Äcker und Weinberge in diesem Land kaufen wird". Jeremia bekräftigt, dass es durch Gottes Treue eine Zukunft für Gottes Volk gibt und geben wird - auch wenn das Volk noch so untreu ist!
Diese gelebte Weissagung des Jeremia steht in Verbindung mit unserer anderen Bibellesung heute morgen. Auch der Hebräerbrief spricht von jenen, die eine ungewisse Zukunft sahen, aber dennoch so handelten, als gäbe es eine Zukunft. Der Autor der Epistel verfolgt die Glaubensgeschichte derer zurück, die vorher gelebt haben und die Erfüllung der Verheissung Gottes, die in Jesus bekannt wurde, nur teilweise kannten. In unserer Bibelstelle wird als Bild von Gottes Verheissung eine Stadt gewählt, in die sie ihr Umherziehen und -wandern schliesslich führen würde - die Suche nach einer besseren Heimat.
Im Matthäus-Evangelium lesen wir die Worte Jesu in der Bergpredigt, mit denen er seine Zuhörer ermutigt, vor allen Dingen auf Gott zu vertrauen. Sie sollen ihre Herzen auf das Reich Gottes und Gottes Gerechtigkeit ausrichten, und alle anderen notwendigen Dinge werden dann hinzugefügt. Angst und Sorge sind die Symbole für den fehlenden Glauben, während der Glaubende nach dem Reich Gottes trachtet.
So sind also der Acker in Anatot, die Suche nach einer Stadt und einer Heimat, die von Gott errichtet sind und das Streben nach dem Reich Gottes Zeichen für unseren Glauben an Gott. Sie sind Anzeichen dafür, dass es eine Zukunft gibt, zu der Gott uns ruft. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass Gott uns auf unsere Reise in diese Zukunft begleitet. Eine solche Botschaft könnte für die Zeiten des Jeremia gelten, sie könnte zu der verfolgten Gemeinschaft sprechen, die den Hebräerbrief erhalten hat und sie könnte auch zu denen sprechen, die der Bergpredigt zuhörten. Sie spricht auch zu uns heute und ermutigt uns dazu, nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln.
Wo aber können wir unseren Anatot-Acker heute in Europa kaufen? Von woher könnte Gott uns dazu aufrufen, für die Zukunft zu handeln? Wo können wir sagen, dass es eine Zukunft gibt, zu der Gott uns beruft? Ich möchte drei Gedanken vorschlagen, die für mich relevant zu sein scheinen. Dabei möchte ich mit einem beginnen, der eindeutig politisch ist. Für mich ist ein Anatot-Acker die Aussage, dass es eine Zukunft für das Streben nach der europäischen Vereinigung gibt. Seit mehr als fünfzig Jahren haben die Menschen in Europa versucht, Institutionen aufzubauen, die Frieden und Solidarität für die Menschen und Völker Europas garantieren. Dass die KEK-Kommission Kirche und Gesellschaft eine Eingabe an das Konvent über die Zukunft Europas geschickt hat, ist für mich gleichwertig wie das Unterzeichnen der Kaufurkunde für einen Acker in Anatot. Wir haben die Aussage gemacht, dass es sich lohnt, diese europäische Reise fort zu setzen, wenn sie zu Frieden, Solidarität und Versöhnung in Europa beiträgt, wenn sie es den Menschen ermöglicht, inmitten von Vielfalt harmonisch zusammen zu leben und dass die Verschiedenheit ein Wert ist, der zu weltweiter Gerechtigkeit beitragen muss. Diesen Weg lohnt es sich einzuschlagen, und dieses Ziel verdient unseren Einsatz.
Zweitens gibt es eine Zukunft für das Streben nach der Einheit des Gottesvolkes und für die Suche nach der Einheit der Kirche. Die Ökumene hat eine Zukunft! Die Charta Oecumenica ist ein Teil unserer europäischen Reise , auf der sich die Kirchen in Europa um Versöhnung miteinander und das Heilen der Wunden bemühen, die sie durch ihr Handeln und das ihrer Verantwortlichen und Mitglieder dem Leib Christi über Jahrhunderte hinweg zugefügt und in andere Weltteile exportiert haben. So ist also die Charta Oecumenica eine weitere Kaufurkunde, die wir in die unerforschte Zukunft mitnehmen in der Hoffnung und Erwartung, dass sie uns immer enger als das Volk Gottes in Europa zusammen führen wird.
Drittens gibt es eine Zukunft dafür, Kirche zu sein. All zu oft spüren wir in Europa , dass wir müde geworden sind, dass wir Mitglieder verlieren und unsere Lebendigkeit nachlässt. Ich lese gerade ein Buch der britischen Soziologin Grace Davie, die behauptet, dass Europa eine Ausnahme darstellt in der heutigen Welt, in der die institutionelle Kirche an Bedeutung verloren hat. Auf anderen Kontinenten ist der Glaube und die Zugehörigkeit zur Kirche noch lebendig, während in Europa viele Menschen nicht mehr das gleiche Zugehörigkeitsgefühl zu einer Kirche haben. So ist die Diskussion über Mission in Europa und die Arbeit, um die sich die KEK bezüglich der Mission im heutigen Europa bemüht, eine weitere Kaufurkunde für einen Acker in Anatot.
Ich werde im September in den Ruhestand treten in der Überzeugung, dass das Engagement für die Einheit Europas, der Einsatz für die fortgesetzte Suche nach der Einheit der Kirche und das Bemühen darum, Wege zum Ausführen unseres missionarischen Auftrags in der heutigen Welt und vor allem im heutigen Europa immer noch erstrebenswerte Ziele sind. Ich hoffe, dass diese auch auf der Prioritätenliste der KEK ganz oben stehen bleiben werden. Diese Kaufurkunde möchte ich in die Tongefässe legen als Zusicherungen für unsere Zukunft. Aber ich möchte auch daran erinnern, dass der Acker von Anatot kein Selbstzweck war. Er symbolisierte den Glauben daran, dass Gott, der mit uns ist, uns auch immer aus einer Zukunft berufen hat, uns versprochen hat, in dieser Zukunft treu zu bleiben und Gottes Volk zu einer treuen Antwort gedrängt hat. Ich nehme von hier heute morgen eine Verpflichtung mit - und ich hoffe, dass Sie das auch tun - Gott treu zu folgen, wo immer Gott uns hinruft und -führt. Möge uns die Treue zu dem im auferstandenen Christus geoffenbarten Gott die Kraft schenken, treu zu bleiben und auf Gottes Zukunft hinzureisen, ganz gleich wie sie ausschauen mag.
Keith Jenkins
3. Juni 2002