Lukas 17, 11-19 

Trondheim, Nidaros-Kathedrale     28. Juni 2003 
 

Vor langer Zeit war in einem wunderschönen Garten eine ebenfalls schöne Frau. Sie schaut sich um: der Mann neben ihr lächelt sie an. Die beiden sind umgeben von einer üppigen Natur, zwei große Bäume fallen besonders auf. Die Frau dreht sich nach einem von ihnen um: es ist der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Angelockt von seinen Verheißungen schenkt sie dem anderen Baum, dem Baum des Lebens, nicht wirklich Beachtung. Jahre später geht ihr durch den Sinn, dass die Welt vielleicht anders aussähe, wenn sie statt vom ersten die Frucht des zweiten Baumes gegessen hätte… 

Einige Zeit später… nach der Begebenheit mit der Schlange, nach dem Zorn Gottes, nach der Vertreibung aus dem Garten… träumt die Frau und der Engel der Zukunft öffnet für sie die Schleier, die den Horizont verdunkeln. Es handelt sich schließlich um Hava, die Lebende, die Mutter aller, die auf Erden leben… sie hat das Recht, zu wissen… Eines Tages wird ein Mann namens Johannes auf einer stillen griechischen Insel der ganzen Welt die Vision Havas beschreiben und offenbaren. Noch aber träumt sie, und das, was sie in ihrer Vision erblickt, ist noch spektakulärer und wunderbarer als das, was sie in dem Garten gesehen hat: ein mächtiger Strom, der Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall. Er fließt mitten durch die Straßen der Stadt. Und plötzlich sieht sie zu ihrer großen Überraschung auf dem Platz im Herzen der Stadt den Baum des Lebens stehen, ebenden, den sie zu ihrem Bedauern im Garten nicht weiter beachtet hatte. Und gerade als sie ihn sieht, tritt der Engel der Zukunft an sie heran und flüstert ihr ins Ohr: „Er trägt zwölfmal Früchte. Jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker“ (Off 22,2). 

Und Hava begreift… vielleicht musste sie das, was sie im Garten getan hat, ja tatsächlich tun, um aus Eden herauszukommen und sich um die Erde zu kümmern. Sie musste von der Frucht des Guten und des Bösen essen, um erwachsen zu werden und mit Bewusstsein zu reden. Der andere Baum dagegen, der Baum des Lebens, war eigentlich nicht für sie gedacht: er war für die kommenden Generationen bestimmt, deren Mutter sie war. Es sind jene nachfolgenden Generationen, die am Ende der Weltgeschichte die Blätter des Lebensbaumes erhalten, und vielleicht schon vor diesem Ende. Jetzt wird ihr klar, dass sie sich in Frieden ihrer Vision erfreuen kann. Und in diesem Augenblick beschließt der Engel der Zukunft, das es an der Zeit ist, den Schleier zu lüften… Hava hat ihre Augen aber schon wieder geschlossen. 

Viele Tage und Nächte nach den Visionen Havas, der Mutter der Lebenden, steht ein junger Mann, Vizekönig von Ägypten, aber jüdischer Herkunft, nach Jahren der Eifersucht, des Hasses, des Verrats, des Rückzugs und Schweigens seinen Brüdern gegenüber. Bevor er ihnen, die ihn nicht mehr erkennen, aber sagt, wer er ist, verbirgt sich Josef vor ihnen und weint. Und auch als er sich ihnen dann zu erkennen gibt und dies der Augenblick der Versöhnung ist, weint Josef wieder. Wahrscheinlich wird ihm klar, wie grausam und verzweifelt die Gewalttat seiner Brüder war. Überraschenderweise aber bewirken diese Tränen mehr als alle Worte, dass sie sich gegenseitig verstehen und sich nach all der Zurückweisung und Verletzung miteinander versöhnen. Mit seinen Tränen macht Josef eigentlich deutlich, dass eine Versöhnung, die sich allein an den Geist und Verstand richtete, die Seele derer, die es zu versöhnen gilt, nicht erreichen würde. 

Indem Josef seinen Gefühlen freien Lauf lässt und Gott im Herzen seines Lebens feiert, in seinen Tränen, und damit Freud und Leid miteinander verschmelzt, legt er Zeugnis von einem Glauben ab, der dem Nächsten zugekehrt ist und der sich nicht rückwärts wendet. Ein Glaube, der auf dem Antlitz des Nächsten, mag er auch verletzlich, gewalttätig, eifersüchtig und arrogant sein, den Ruf des Ewigen erkennt. Die Aufforderung, den Teil der messianischen Botschaft, die uns allen innewohnt, zum Leben zu erwecken. Deshalb hat Versöhnung mit unserer Fähigkeit zu tun, diesen messianischen Teil unseres Seins anzunehmen. Als Josef mit einen Brüdern weint, hat er diesen Teil angenommen, und deshalb kann er Schmerz und Freude miteinander verschmelzen: den Schmerz der bösen Erinnerungen und die Freude der Versöhnung. 

Lange nach den Visionen von Hava, Jahrhunderte nach den Tränen von Josef, geht ein Mann namens Jeschua auf der Straße nach Jerusalem. Dabei kommt er an die Grenze zu einem fremden und häretischen Terrritorium mit Namen Samarien. Auf seinem Weg begegnet er zehn Aussätzigen, die aber in der Ferne stehen bleiben. Das Gesetz verbietet ihnen jede Annäherung. Aber sie können sich dem Fremden mit Worten nähern, und so rufen sie ihm zu: „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!“ 

Überraschenderweise bedeutet ihnen der Mann, zu den Priestern zu gehen und sich von ihnen untersuchen zu lassen, denn nach jüdischem Gesetz muss man sich den Priestern zeigen, wenn man geheilt ist, vor allem von der Lepra. Und die zehn Aussätzigen haben genug Vertrauen in den jungen Rabbi, den sie auf ihrem Weg getroffen haben, um seinen Rat zu befolgen. 

Und das Wunder geschieht… noch auf dem Weg werden sie geheilt! Zwischen ihnen und dem, der sie geheilt hat, besteht aber nach wie vor eine Distanz: sie haben erreicht, was sie wollten, und bestaunen ihre reinen Körper und verschwinden aus dem Bericht. Bis auf einen. Als er sieht, dass er geheilt ist, kehrt er um und preist Gott mit lauter Stimme, denn ihm bedeutete seine Heilung weit mehr als die Reinigung seines Körpers. Für die neun anderen war der Prophet Jeschua ein Mittel, um zu einem neuen Leben zu gelangen, in dem sie wieder in die soziale und religiöse Gemeinschaft integriert werden. Was bereits für sich genommen ein Resultat ist ! Für den Zehnten ist aber seine Heilung das Mittel, um ein erneuertes Leben zu beginnen. Für diesen zehnten Aussätzigen tritt die Wohltat hinter dem Wohltäter zurück. Jeschua hat ihm aufgetragen, sich den Priestern zu zeigen… Aber der Mann hat sich selbst angesehen und festgestellt, dass er geheilt war. Und deshalb kehrt er um: nicht aus Höflichkeit, sondern weil er sich angeschaut hat. 

Die Distanz erhält dadurch eine andere Dimension, löst sich auf durch die Umkehr des Samariters, der sich plötzlich dem Rabbi auf seinem Weg sehr nahe fühlt. Und so kommt er zurück und ruft wieder mit lauter Stimme. Aber diesmal bitte er nicht um Erbarmen, er will nur danken. Die körperliche Heilung, wenn auch sehr spektakulär, ist in diesem Moment zu einem inneren Schritt geworden. Ein Schritt, der die Distanz überwindet und durch den ein Mensch sich selbst zurückgegeben wird. „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“ Mit anderen Worten: „Stehe zu einem neuen Leben auf !“ 

Aber diese Geschichte darf nicht missverstanden werden als eine Moralpredigt, bei der für neun Aussätzige allein das körperliche Befinden wichtig ist, während der zehnte als Einziger fähig zur Umkehr ist, fähig, wieder Subjekt seiner eigenen Geschichte zu werden. 

Wir dürfen nicht vergessen, dass alle Aussätzigen krank waren und alle geheilt wurden. Das einzige Detail, das uns in der Geschichte mitgeteilt wird, ist, dass sich für einen von ihnen etwas Besonderes ereignet hat: er sieht, dass er geheilt ist, und dadurch ändert sich sein Leben. Um das zu bestätigen, schickt Jeschua ihn wieder auf den Weg und sagt zu ihm: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Heißt das, dass den anderen neun nicht geholfen wurde… Die Erzählung schweigt dazu. Vielleicht besteht das Wunder also gar nicht in der Heilung an sich… sondern in dem, was danach geschieht. In dem, was man daraus macht… 

Über die Heilung hinaus gab es noch die Worte, die gesagt wurden, die Distanz, die aufgehoben wurde, das wieder hergestellte Vertrauen, die Aussendung auf den Weg. Über die Heilung hinaus gab es nicht mehr und nicht weniger als eine Auferstehung. Das ist es, was das Heil ausmacht. Und das ist schon sehr viel ! Jahre hindurch gefiel mir der Begriff „Heil“ nicht. Ich fand ihn veraltet, unpassend für die postmodernen Erwartungen im Blick auf Spiritualität und Glauben. Wahrscheinlich gefiel mir an dem Begriff nicht, was die Theologie daraus gemacht hat, eine Art höchstes Ziel, das es durch die Einhaltung moralischer Prinzipien oder – protestantischer ausgedrückt – durch tonnenweisen Glauben zu erreichen galt. Doch die Geschichte vom aussätzigen Samariter erzählt nur von der Fülle des Lebens. Von den vielen Blättern vom Baum des Lebens, die auf unseren Weg fallen. Von den zahllosen messianischen Fragmenten, die uns mit unserem göttlichen Ursprung verbinden.  

Wenn der Rabbi den geheilten Aussätzigen zum zweiten Mal wegschickt, wenn er ihn aussendet in die Welt mit einer Heilszusicherung im Überfluss, dann, um ihm die Intensität bewusst zu machen, mit der er von nun an leben muss. Denn wenn Jeschua tatsächlich der Messias ist, dann ist er auch der, der jedem und jeder von uns unseren eigenen Teil der messianischen Botschaft offenbart. Und deshalb beginnt das Heil – wie das Reich Gottes – auch nicht in einer imaginären Zukunft, sondern bereits hier und jetzt, wann immer ein Mensch von dem Verlust seines Teil der messianischen Botschaft geheilt wird. Von dem Augenblick an, wo wir mit diesem Teil unseres Seins versöhnt werden, wird auch die Versöhnung mit den Anderen möglich, auch wenn sie aus Samarien stammen. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir, ob wir es wollen oder nicht, immer die Samariter und Samariterinnen von Anderen sind. 

Nach dieser Geschichte wird berichtet, dass die Pharisäer Jeschua fragen, wann das Reich Gottes kommt, und der Rabbi antwortet ihnen: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich ist mitten unter euch“ (Lk 17, 20-21). 

Gerade weil das Reich bereits hier und jetzt ist, mitten unter uns, in uns, beschränkt sich unser Leben nicht auf das Körperliche. Von unserem Ursprung her sind wir zu mehr Größe bestimmt, auch zu mehr Intensität. Unser Weg ist mit kleinen und großen Auferstehungen gepflastert. Denn das Wort, das den Teil der messianischen Botschaft in uns wieder zum Leben erweckt, das Wort, welches Auferstehung ist, sendet auch heute noch Männer und Frauen aus auf den Weg des Lebens. 

Über die Wunder, die Wundertaten sind, hinaus gibt es Wunder einer anderen Tiefendimension. Wunder, die uns für ein Gespräch öffnen, Wunder, die unserem Leben einen Sinn verleihen, Wunder, die aufheben, was unser Leben zerstört. Denn wir wissen sehr wohl, dass die Lepra von heute den Namen unserer Ängste trägt. 

Heilung und Versöhnung haben in unserem Leben daher etwas mit der Spur zu tun, die wir von Gottes Wunsch in uns tragen. Gottes Wunsch, uns versöhnt, geheilt und dem Leben wiedererstanden zu sehen, hier und jetzt. 

Versöhnt, geheilt und dem Leben auferstanden zu sein – dies ist unsere menschliche Berufung: möge es auch unsere Freude sein ! 

Amen 

Pastorin Isabelle Graesslé

Moderatorin der Genfer Pastoren- und Diakonengemeinschaft